Betrachtungen zur Bewirtschaftung der Ruhrtalsperren

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  • Vor einiger Zeit tauchten in diesem Forum plötzlich hier und hier Fangmeldungen vom Biggesee auf, die zu meinem Erstaunen zu heftigen Diskussionen führten. Leichtfertig lies ich mich dazu hinreisen, anzubieten "mal ein paar Zeilen zu dem See zu schreiben". Je mehr ich darüber nachgrübelte und je heftiger die Diskussionen wurden, umso schwieriger erschien mir das. Es wurde immer deutlicher, daß die eigentliche Fragestellung nicht "Wie fängt man am Biggesee?" ist, sondern die Unterschiede zu den traditionellen Bewirtschaftungsbetrieben und ihre Konsequenzen. Dieser Eindruck wurde verstärkt, nachdem ich feststellte, daß die Arbeit von Markus Kühlmann, dem verantwortlichen Fischermeister, mittlerweile international Ruf eines "Musterbetriebs" der modernen Fischereiwirtschaft genießt. Grund genug der Sache auf den Grund zu gehen.



    Betrachtungen über die Fischereiwirtschaft des Ruhrverbandes


    Teil 1: Rahmenbedingungen der Bewirtschaftung


    Die Ruhrtalsperren sind äußerst beliebte Angelgewässer, und haben auch über die Grenzen NRWs hinaus von sich Reden gemacht. Dies ist auf den ersten Blick erstaunlich, denn oberhalb des „Ruhrpotts“ ballen sich sage und schreibe 32 Wasserreservoire, von denen nur ein kleiner Teil durch den Ruhrverband bewirtschaftet wird. Warum treten diese aber nun unter den anderen anglerisch so hervor? Forscht man dieser Frage genauer nach, stellt man fest, dass „der Fischbesatz“ zwar eine Antwort, aber nicht die alleinige ist, und die Ursachen es verdienen, genauer beleuchtet zu werden. Doch beginnen wir von vorne:



    Ausschnitt Talsperrenlandschaft bergisches Land/Sauerland


    Vorgeschichte


    Vor etwas 200 Jahren setzte in dem dünn besiedelten und landwirtschaftlich geprägten Gebiet entlang der Ruhr zwischen Dortmund und Duisburg unerbittlich die Industrialisierung ein: Es wurde Kohle und Erz abgebaut, dem folgten die Eisenhütten, Eisenbahngesellschaften, und letztendlich Menschen von überall her, die das Gebiet in kürzester Zeit zum größten Ballungszentrum Deutschlands machten. Sowohl die Industrie als auch die Menschen benötigen vor allem eines: Wasser, das den Flüssen entnommen wurde.Es entstanden überall Wasserwerke, doch bald wurde das Wasser vor allem in den trockenen Monaten knapp und die Flüsse verwandelten sich in stinkende Kloaken.


    Einige Wasserwerkbetreiber entlang der Ruhr schlossen sich zum Ruhrtalsperrenverband zusammen, mit dem Ziel, durch den Bau von Talsperren in den niederschlagsreichen Monaten den Überschuß an Wasser zurückzuhalten und in den niederschlagsarmen Monaten abzugeben. So konnte eine kontinuierliche Versorgung des Ruhrgebiets mit Wasser gewährleistet werden.


    Heute betreibt der Ruhrverband 8 Talsperren und 5 Stauseen im Einzugsgebiet der Ruhr, versorgt fünf Millionen Menschen mit Wasser und ist somit der größte Talsperrenbetreiber in NRW (und vermutlich auch weit darüber hinaus).



    Biggetalsperre, Listertalsperre und Vorbecken


    Worin zeichnet sich nun die fischereiliche Bewirtschaftung der Ruhrtalsperren besonders aus? Dazu müssen wir als erstes der Frage nachgehen, wer die Gewässer überhaupt bewirtschaftet, und finden gleich den ersten wichtigen Unterscheidungspunkt:


    Eigenbewirtschaftung statt Verpachtung


    Im Gegensatz zu vielen anderen Gewässerbesitzern verpachtet der Ruhrverband in der Regel seine Fischereirechte nicht an Genossenschaften oder Vereine (oder in grauer Vorzeit auch an Berufsfischer), sondern bewirtschaftet seine Talsperren seit 1991 selbst. Eine Voraussetzung, ohne die vermutlich eine Bewirtschaftung der Gewässer in der heutigen Form und Professionalität kaum möglich wäre, und die in ihrer Tragweite nicht hoch genug bewertet werden kann: Durch die zentrale Bewirtschaftung verschiedenster Talsperren ergeben sich Synergien, die es erlauben, die Bewirtschaftung auf einem Niveau zu betreiben, das ein Verein bei einer autonomen Einzelgewässerbewirtschaftung in vielen Bereichen nicht erreichen kann. Dazu gehören zum Beispiel


    - ein hauptberufliches qualifiziertes Bewirtschaftungsteam,
    - moderne und vielfältige Ausstattung an Geräten wie Booten, Netzen und Aufzuchtequipment
    - laufender und direkter Zugriff auf die „hauseigenen“ limnologischen und biochemischen Messdaten
    - direkter Erfahrungsaustausch und Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Gewässern, also ein großer Erfahrungszugewinn.
    - laufender Austausch und Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen



    Das alles würde dem Angler wenig nützen, wenn nun der Ruhrverband diese betriebswirtschaftliche „Effizienzleistung“ nutzen würde, um mit seinem Team einen möglichst hohen Ertrag abzufischen und profitabel zu vermarkten. Hier folgt ein für uns Angler zweiter weitreichender Entschluß des Bewirtschafters:


    Ertragsernte durch Angler


    Die Erträge der Gewässer werden über Angler „abgeerntet“ und nicht vom Ruhrverband selbst gefangen und vermarktet. Natürlich ist dieser Entschluß nicht auf reine „Selbstlosigkeit“ zurückzuführen. Der ökonomische Ertrag dürfte durch das Prinzip der „Anglerernte“ ähnlich hoch sein wie bei der „Eigenernte“, dies vor allem, wenn man den gesparten Arbeitseinsatz und die Vermarktungsrisiken einer leicht verderblichen Ware berücksichtigt. Ausserdem kommt der Ruhrverband so nicht in einen Konflikt mit dem Prinzip der naturnahen Bewirtschaftung (dazu später mehr), denn ein optimal auf den Markt ausgerichteter Fischbestand wäre vermutlich ärmer an Art und Alterstruktur.


    Spätestens wenn man nun in der Rechnung noch die sozioökonomischen Aspekte für die Region berücksichtigt, der der Ruhrverband natürlich auch verpflichtet ist, sticht das Prinzip der „Anglerernte“ die „Eigenernte“ endgültig aus, denn unterm Strich ist die Angelkarte der geringste Teil des Budgets, das der Angler in der Umgebung der Talsperren im Zuge seines Freizeitvergnügens ausgibt.


    Letztendlich funktioniert also die Finanzierung der fischereilichen Bewirtschaftung maßgeblich über den Angelkartenverkauf, womit wir bei dem dritten wichtigen Unterscheidungsmerkmal zu vielen anderen Gewässern wären:


    Der Angler als Kunde


    Wenn nun die fischereiliche Bewirtschaftung maßgeblich über den Angler finanziert werden muß, wird der Angler zum Kunden, und es muß ihm genügend „attraktive“ Möglichkeit gegeben werden, an den Gewässern zu fischen. Dies wirkt sich auf die Angelbedingungen aus, und hier zeigen sich am offensichtlichsten die Unterschiede zu den meisten anderen Talsperren in NRW. Hier eine unvollständige Auswahl:


    - Keine Beschränkung der Angelscheinausgabe innerhalb der behördlich verordneten Grenzen. (wie z.B. „nur Vereinsmitglieder“, Wartelisten, „ nur Bewohner des Kreises“ usw.)
    - Keine Saisonpause, es darf unter Beachtung der Schonzeiten und der Laichschongebiete das ganze Jahr über gefischt werden.
    - Bootsangeln weitgehend gebührenfrei erlaubt (an anderen Talsperren z.B. nur Jahresscheininhaber, Vereinsmitglieder oder gar nicht).
    - An allen Talsperren stehen Bootslips zur Verfügung und werden sukzessive ausgebaut.
    - E-Motor wird gerade an der Möhnetalsperre eingeführt mit dem Ziel, diesen in absehbarer Zeit auch an anderen Talsperren zuzulassen.
    - Nachtangeln in den Sommermonaten erlaubt.
    - Wenige Einschränkungen bezüglich Köder- und Methodenwahl.




    Winterangeln an der Biggetalsperre


    Aber wie bei allen Gewässern in Mitteleuropa, die man sich mit den vielfältigsten „Kulturen“ der Freizeitnutzung teilen muß, sind all diese Kleinigkeiten oft hart erkämpft und Erfolge langwieriger bürokratischer Auseinandersetzung. Alles muß diplomatisch gegenüber den Behörden und Lobbygruppen von Seglern, Naturschützern, Dampferbetrieben etc. durchgesetzt werden, und dies gelingt nicht immer oder manchmal nur mit Kompromissen. So füllt wohl alleine der langwierige bürokratische Kampf zur Durchsetzung eines Pilotversuchs zur „Laservergrämung“ der Kormorane am Möhnesee mehrere Regalmeter Aktenordner bei Fischermeister Markus Kühlmann.



    Lasergewehr zur Kormoranvergrämung


    Neben den „hardfacts“ gehört auch dazu, das soweit es die Möglichkeiten des Bewirtschafterteams erlauben eine aktive Informationspolitik mit den Anglern und der Öffentlichkeit betrieben wird. Wir Angler neigen bisweilen ja durchaus dazu, von unseren Fängen direkt relativ simple (um das Wort „unqualifizierte“ zu vermeiden…) Pauschalurteile über das äusserst komplexe System der Bewirtschaftung abzuleiten :biggrin: . Umgekehrt sind wir aber auch meist ganz gelehrig, wenn uns die Möglichkeit gegeben wird, die Hintergründe und Zusammenhänge der Bewirtschaftung zu erfahren. Mit dem „Tag der offenen Tür“ im Fischereigehöft am Möhnesee, bei Vorträgen auf Anglerveranstaltungen und mit einer grundsätzlichen Dialogbereitschaft gegenüber Anglern und Fachpresse sucht Markus Kühlmann und sein Team immer wieder gerne den Austausch und Kontakt zu den Anglern, wofür letztendlich auch dieser Bericht ein Zeugnis ist.



    Markus Kühlmann erklärt Anglern die Aufzuchtbecken
    Doch bei aller Sozioökonomie und Anglerfreundlichkeit: Primärprodukt des Ruhrverbands ist das Wasser, und daher für den fischereilichen Bewirtschafter die Wasserqualität, da die Fische einen maßgeblichen Einfluß auf die Wasserqualität haben.


    Dazu aber mehr im zweiten Teil


    Weiter zu Teil 2 

  • Tach zusammen,


    vielen Dank für den grossartigen Bericht! Ich freu mich schon auf den 2. Teil! Ist schon interessant zu sehen, dass die Sauerländer den Bayern zeigen wos lang geht mit der fischereilichen Bewirtschaftung von Gewässern ! :shock:


    Gruss Felix