Ein halbes Anglerleben - Schluß

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  • Die großen Ferien waren vorüber, im Herbst begann die achte Klasse für mich. Damals begann die „Party-Time“, also die Zeit, in der aus von den Eltern gesteuerten Kindergeburtstagen Partys wurden. Es war eine Zeit des Schwärmens und Sehnens. Die Partys waren jedes Mal der Beginn oder das Ende vieler Liebschaften. Ich gehörte eher zur Fraktion der unglücklich verliebten. So hangelte sich das Gefühlsleben aller Beteiligten von einer Party zur anderen. Kein Wunder also, dass mein Fangbuch für das Jahr 1973 keine Eintragungen verzeichnet, weil - wie ich selbst schrieb - ich zu faul war, obwohl mein Vater und ich dem Langwiedersee auch in diesem Jahr einige Hechte und Forellen entlocken konnten. In Wahrheit war ich wohl nicht zu faul, sondern es war der Anfang vom Ende des ersten Abschnitts meines Anglerlebens, des Abschnitts, der in der Kindheit begonnen und mit ihr geendet hatte.


    Im Jahr 1973 angelten mein Vater und ich nur im Langwiedersee. Wir wurden mit dem Gewässer immer vertrauter, unsere Erfolge wurden immer besser. Das bedeutet nicht, dass wir nun kapitale Fische gefangen hätten, nein, das nicht. Aber wir fingen mit immer ausgefeilteren Methoden. Ein Beispiel dafür ist ein Angeltag im Juli. Wir fischten am Westufer des Sees mit selbst gemachtem Semmelteig auf Karpfen. Ohne Blei und ohne Schwimmer. Der Teigknödel war um einen kleinen Drilling geknetet und wurde weit ausgeworfen. Nachdem er auf den Grund gesunken war, wurde die Schnur etwas gespannt und mit einem kleinen Steinchen am Boden neben der Rolle fixiert. Wenn nun ein Karpfen den Köder entdeckte, konnte man an der Schnur deutlich sehen, wie er den Knödel prüfend einsaugte und wieder ausspuckte. Wurde er dabei nicht misstrauisch, so nahm er nach einigen Versuchen den Köder ganz ins Maul und schwamm vom Futterplatz davon. Dann sauste die Schnur hoffentlich ungehindert durch die Ringe und es war höchste Zeit, die Rute in die Hand zu nehmen, die Rolle zu schließen und in die ablaufende Schnur einen kräftigen Anhieb zu setzen. Wenn dann der Haken gefasst hatte, begann ein rasanter Drill. Schon ein Karpfen von vier Pfund forderte volle Konzentration, einen Karpfen von circa acht Pfund hat mein Vater im Drill verloren, weil es uns nicht gelang, den flüchtenden Karpfen davon abzuhalten, in ein großes Krautbeet dicht am Ufer hinein zu schwimmen. Das schönste am Karpfenfischen war immer die Spannung vom ersten zaghaften Zupfer bis zum hoffentlich erfolgreichen Abschluss des Drills. Der Fang eines Karpfens war eigentlich viel spannender, als das relativ einfache Herausziehen eines kleinen Hechterls, das den Köderfisch verschluckt oder sich nur ein paar Meter vom Ufer entfernt auf den Wobbler gestürzt hatte. Der einzige Nachteil bei der Karpfenfischerei war die Tatsache, dass keinem in unserer Familie Karpfen so richtig gut schmeckte, während Hechte eigentlich ganz lecker waren. Aber trotzdem, mit dem erfolgreichen Ansitz auf Karpfen hatten sich mein Vater und ich als Angler schon ganz schön weit entwickelt. Wenn ich da noch an die Anfänge am Millstättersee zurück denke!


    Nach den nächsten großen Ferien begann die neunte Klasse. Andi wurde bereits fünfzehn und bekam ein Mofa. Diesem Umstand verdankte ich meine - damals! - zweite große Leidenschaft, bzw. die Entdeckung dieser Leidenschaft. Diese Leidenschaft, die ja wirklich Leiden schaffte, war das Motorradfahren. Der Ehrlichkeit halber muss ich sagen, dass es zunächst nur das Mofafahren war.


    Die Motorradzeit dauerte bei mir von 1973 bis genau zum 7.7.77. An diesem Tag endete meine Motorradkarriere ziemlich abrupt, aber dazu später mehr. Meine ersten motorisierten Fahrten erfolgten also mit dem Mofa von Andreas. Ich kann mich gut erinnern, dass er mir bereitwillig sein Mofa überließ, um heimlich zu rauchen. Wir zogen also gemeinsam los, er mit dem Mofa und ich mit dem Fahrrad. Am Waldrand tauschten wir dann unsere Fahrzeuge, er übernahm mein Rad - natürlich nur, um sich drauf zu lümmeln und zu smoken - und ich schwang mich auf sein Mofa. Dort führte ein Trampelpfad den Berg hinauf zum oberen Rand der Ziegelei. Der Weg war mit Gras bewachsen, das immer wieder von lehmigen Rinnen und Pfützen unterbrochen wurde. Bei meinen Fahrten kam ich immer wieder ins Schlingern und Schleudern, aber es machte ungeheuren Spaß. Im nächsten Frühjahr bekam ich mein eigenes Fahrzeug, ein rotes Herkules-Mofa. Für die Jahre 74 und 75 verzeichnet mein Fangbuch die üblichen Einträge vom Langwiedersee, dann ist Schluss. Ende des ersten Fangbuches.


    Epilog


    Mit dem eigenen Mofa begann die Mobilität. Aus heutiger Sicht, mehr als dreißig Jahre danach und als zweifacher Vater, stelle ich mir schon die Frage, wofür ich die Freiheit, die mit der Mobilität einherging, genutzt habe. …….Nach der Mofazeit machte ich den Vierer-Führerschein für die 50er Herkules. Mit der Herkules machte ich dann einige schöne Touren…. Eine solche Tour führte mich auch in die Jachenau, zum jährlichen Sommerlager der Ministranten. Obwohl ich über den Kesselberg fuhr und mich meine Route am Walchensee vorbei führte, hatte ich damals leider keine Augen für das Gewässer mehr, all meine Aufmerksamkeit widmete ich nur den Kurven der Mautstraße. Schon seltsam, wie sehr man sich über sich selbst wundern kann. Ich wundere mich heute jedenfalls gewaltig über mich als 15- oder 16-Jährigen. Manchmal bin ich dann sogar richtig froh über den Unfall, den ich am 7.7.77 erlitten habe. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich weiter befangen von meiner Motorradbegeisterung gewesen wäre. Vielleicht wäre ich schon lange tot, wie so viele andere, die ich kannte und die auch irgendwann einen Unfall, nur eben den finalen Unfall hatten. Möglicherweise hätte sich das Motorradfahren aber auch in ein ganz normales Leben integrieren lassen, denn vieles, was mein weiteres Leben beeinflusste, hat seine Wurzeln ebenfalls in dieser Zeit. Motorradfahren ist nicht alles im Leben, genauso ist auch Angeln nicht alles. Aber Motorradfahren ist gefährlich, viel gefährlicher als Angeln. Wenn jetzt aber der Eindruck entsteht, das Thema Motorrad würde mich noch heute beschäftigen, so ist das nicht wirklich wahr und auch nicht beabsichtigt. Damals ein großes Thema, heute keines mehr.


    Es war im August 1977, als ich plötzlich wieder Augen für meine geliebten Fische hatte. Ausgerechnet am Walchensee, den ich in der Vergangenheit bei meinen Motorradausflügen in des Wortes doppelter Bedeutung „links liegen“ hatte lassen, entflammte meine Angelleidenschaft erneut. Mein Krankenhausaufenthalt dauerte vom 7. Juli 77 bis zum 1. August. Dieser fast 4-wöchige Aufenthalt dort hatte vieles verändert. Meine Einstellung zu den Menschen, die im Krankenhaus Dienst tun, war eine ganz andere, viel bewusstere geworden. Ich empfand damals viel Dankbarkeit für die Ärzte und Schwestern. Vor allem auch für die Schwestern, die mich in der Zeit unmittelbar nach dem Unfall versorgten. Während ich unter meiner absoluten Hilflosigkeit sehr litt, weil ich fürchtete, diese Hilfsbedürftigkeit sei so entwürdigend, zeigten sie mir, dass das nicht stimmte.


    Meine alte Beweglichkeit war nicht nur wegen der Krücken eingeschränkt, nein, ich hatte auch meiner Mutter versprochen, nie wieder Motorrad zu fahren. Aber unmittelbar nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus galt es als erstes, wieder einigermaßen gut zu Fuß zu sein. Also übte ich fleißig und lief mit meinen Krücken umher. Auch die Geländetauglichkeit meiner Krücken konnte ich unter Beweis stellen, als ich schon am 13. August übers Wochenende mit ins Sommerlager (zu Besuch) fuhr. Ich glaube, ich wurde damals von unserem Ministranten-Senior mitgenommen. Auf dem Nachhauseweg von der Jachenau wurde ein Zwischenhalt am Walchensee gemacht. Wir gingen vom Gasthof in Einsiedel am Ufer entlang bis hinter die Hütte der Isar-Amper-Werke. Und da waren Hechte, mehrere schöne Hechte, größer als die Hechte, die ich zuletzt im Langwiedersee gesehen und gefangen hatte. Sie standen nahe am Ufer dicht unter der Oberfläche und schienen nur auf einen Wobbler oder Blinker zu warten. Dieser Anblick weckte meine alte Angelleidenschaft. Nachdem ich in diesen Tagen auch mein erstes Auto von der Entschädigungsleistung der Versicherung meines Unfallgegners kaufen konnte, machte ich am 7. September 77 meinen ersten Angelausflug ganz alleine an den Walchensee. Es war ein schöner Tag, wenngleich auch ohne Fangerfolg. Die Hechte vom letzten Mal waren zwar noch da, aber sie warteten nicht auf meine Köder, sondern versanken in der Tiefe, wenn ich meine Angel (das ist nicht wörtlich gemeint Inge!) nach ihnen auswarf.


    Bei diesem Angelausflug, dem ersten ohne meinen Vater, hatte ich mir fest vorgenommen, wieder zu kommen und doch noch einen Hecht zu fangen. Für mich war klar, dass ich mit meinem Vater kommen würde. Also fuhren wir beide am Samstag, dem 29. 10 wieder an den Walchensee. Dort war das Rieger´sche Anwesen wie ausgestorben. Keine Angelkarten mehr erhältlich. Wir klopften am Bauernhof, als ein Fenster aufging und uns die unwirsche Frage gestellt wurde: Was wollts denn ihr noch fanga? Antwort: Hechte! Replik: Da miaßts an Hechtsee fahrn, bei uns gibt’s koane Hechtn! Da hat uns einer wohl für ganz blöd gehalten. Tatsache war, dass damals wie heute die Saison am 30.9. endete. Mein Vater und ich nutzten den herrlichen Herbsttag und machten von der Jachenau aus eine Wanderung auf die Rotwand. Meine Krücken brauchte ich schon lange nicht mehr. Und dieser „missglückte“ Angelausflug war der letzte gemeinsame Angeltrip mit meinem Vater, als Angler war ich jetzt „flügge“ geworden.


    Schluss von „Ein halbes Anglerleben“. Danke für Eure Aufmerksamkeit !
     :wink:

  • Lieber Klaus,


    danke vielmals für Deine wunderbaren Erzählungen, es hat mir riesig viel Spass bereitet, Deinen Weg als Jungangler gedanklich zu begleiten. Nicht so ganz verstehen kann ich Deine Unterbrechungen, was ist denn schon Moped fahren oder Mädchen küssen im Vergleich zum Angeln?!
    Aber Gott sei dank hat die Fischeritis wieder Besitz von Dir ergriffen und diesmal nun für immer und ewig. Du hast ja auch Deinen Traum vom Schreiben erfüllt und wenn ich ehrlich bin, ich glaube, das Ende der Fahnenstange ich noch nicht erreicht.


    Sei herzlich gegrüßt


    berndi

  • Lieber Bernd,


    herzlichen Dank für Deine Ermutigung. Es war ein Experiment, hier im Forum praktisch ein Büchlein zu "veröffentlichen", hätte ja auch sein können, dass einer das ganze als großen Quatsch empfindet und lauthals meckert. War aber Gott sei Dank nicht so und die kleine Fan-Gemeinde hat Interesse bis zum Schluß gezeigt. Dafür allen an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank!


    Ich hoffe nur, dass ich mit meinem "Fortsetzungsroman" nicht die Leseecke blockiert habe und dass jetzt noch viele Geschichten von anderen Forumsmitgliedern folgen, so wie der "Sommerabend"!


    Und ich gelobe, wenn ich nochmal was schreibe, dann kommen auch wieder mehr Fische drin vor.


    Herzliche Grüße
    Klaus

  • "Klaus" schrieb:

    hätte ja auch sein können, dass einer das ganze als großen Quatsch empfindet und lauthals meckert. War aber Gott sei Dank nicht so und die kleine Fan-Gemeinde hat Interesse bis zum Schluß gezeigt.


    Servus Klaus


    deine Geschichten sind einfach wunderbar zu lesen. :-D Von meckern kann gar keine Rede sein!!!


    Vor allem bin ich froh über die Überschrift: Ein halbes Anglerleben


    Das heißt doch, der zweite Teil folgt irgendwann??!! Schlieslich bist du erst "flügge" geworden :wink:

  • Lieber Klaus,


    ich hasse ja Fortsetzungsgeschichten in Büchern oder Heften genauso wie im Fernsehen aber ich nehm mir auch mal einen ganzen Abend Zeit und zieh mir ein komplettes Buch rein. :wink:


    Und das hab ich heut mit Deinen Angler-Jugend-Geschichten gemacht. Deine Art das Erlebte mit einem Augenzwinkern und einem zum schmunzeln anregenden Humor nieder zu schreiben gefällt mir ausserordentlich gut.


    Es war ein schönes Vergnügen Deine Geschichten zu lesen wofür ich Dir herzlich danken möchte!


    Du hast eine wunderbare Anglerjugend erlebt wofür ich Dir als "Spätzünder" fast ein bischen neidisch bin. Wir haben uns ja in München leider nur kurz kennegelernt aber vielleicht treffen wir nochmals zusammen und können länger miteinander "ratschen". Ich würd mich freun.


    Das nächste mal werd ich nicht bis zum Schluß warten und bei Dir mal über meinen Schatten springen und auch mal episodenweise lesen. :wink:


    Auf alle Fälle hast Du einen neuen Fan in Deiner Leseecke gefunden!


    Nochmals Danke für diese vielen schönen Erlebnisse an denen Du mich teilhaben ließest.