Ein halbes Anglerleben - Fortsetzung v. 11.01.2007

  • Der Starnbergersee


    Unter einem gravierenden Mangel leiden meine Aufzeichnungen aus dieser Zeit, leider habe ich damals den Begriff „Fangbuch“ zu wörtlich genommen und tatsächlich nur diejenigen Angeltage vermerkt, an denen entweder mein Vater oder ich auch etwas gefangen haben. So muss ich versuchen, einige im nachhinein durchaus erinnerungswürdige Erlebnisse anhand von anderen, nicht mit der Angelei zusammenhängenden Ereignissen zu rekonstruieren und zeitlich richtig einzuordnen. Die Huchenfischerei am Sylvestertag kann ich deshalb guten Gewissens behaupten, weil ich noch gut in Erinnerung habe, dass wir am selben Abend zu Freunden meiner Eltern gefahren sind, um dort mit einem großen Feuerwerk das neue Jahr zu begrüßen. Es ist aber gut möglich, dass es auch das Jahr 1972 war, das auf diese Weise zu Ende ging. Was soll´s ? Ist das heute noch wichtig ? Ich glaube nicht. Manchmal hilft aber alles nichts, beim besten Willen und selbst mit viel Fantasie kann ich bestimmte Erlebnisse nicht mehr genau zeitlich einordnen. Dazu gehört auch eine Woche im August, in der mein Vater und ich drei oder vier mal zum Schleppen an den Starnbergersee gefahren sind. Möglicherweise 1972, im Jahr der Olympischen Spiele in München, vielleicht auch ein Jahr später. Das war auch so ein Geschenk meines Vaters, für das ich noch heute aufrichtige Dankbarkeit empfinde.


    Meine Begeisterung für den Starnbergersee verdankte ich damals den spannenden Artikeln in der Zeitschrift Fisch und Fang und dem Buch des Autors und Starnbergersee-Fischers Rainer J. Bouterwek „So fängt man am Starnbergersee“. Ich habe ja schon ein paar mal erwähnt, dass meine Art an immer neue Angelabenteuer heran zu gehen, eher ungewöhnlich für den typischen Angler war. Bei mir ging es immer von der Theorie in Richtung Praxis, bei den meisten anderen Anglern stand wohl am Anfang die Praxis in Form eines anglerischen Vorbildes aus Laib und Blut. Meine Vorbilder waren nichts weiter als „Romanhelden“, welche die Richtigkeit ihrer Thesen niemals am Wasser unter Beweis stellen mussten. So folgte vielen anregenden Artikeln in Fisch und Fang dann die ernüchternde Erkenntnis, dass die Verhältnisse an unseren Gewässern manchmal doch ganz andere waren, als offensichtlich die Gegebenheiten an den von den jeweilige Autoren befischten Gewässern. Nicht so bei Bouterwek, er schrieb über den Starnbergersee und den Walchensee, Gewässer die auch für uns erreichbar waren. Ich hoffte, dass auch wir große Hechte erschleppen würden, wenn wir es nur genauso machten, wie dieser so animierende Autor. Aber auch hier folgte die Ernüchterung auf dem Fuße, kein einziger Biss in der ganzen Woche! Wie ich heute weiß, war das wirklich nicht die Schuld des Herrn Bouterwek, ich habe seine Bücher und Artikel seit meiner Kindheit immer wieder, schon zigmal gelesen. Man muss die enthaltenen Warnungen vor übertriebener Euphorie - gerade was den Starnbergersee angeht - auch ernst nehmen und nicht so beflissentlich überlesen, wie ich es als Junge gemacht habe. Gerade der Artikel „Ich fische gerne auf Seeforellen“ in der Fisch und Fang von 1972 war es, der unsere späteren Erfolge, etwa zehn Jahre später, am Walchensee vorbereitete. Aber am Starnbergersee damals hatten wir, vor allem mein Vater, doch ernsthafte Zweifel an der Richtigkeit und Ehrlichkeit der Bouterwek´schen Schilderungen des Hechtfanges. Der Hechtfang, ein damals wichtiges Thema für mich. Während mein Vater ja 1971 im Langwiedersee schon den ersten maßigen Hecht erbeutet hatte, sollte es bei mir noch bis 1975 dauern, bis das erste Hechterl über 45 cm an meiner Angel zappelte. Der Hecht war damals meine heiß begehrte Beute. Das mag zum einen daran gelegen haben, dass alle Welt auf Hecht fischte, so als ob es nur diese eine Fischart gäbe. Selbst in den Angelzeitungen schien es streckenweise nur dieses eine Thema zu geben. Davon ließ ich mich bereitwillig anstecken. Die zumindest theoretisch gegebene Möglichkeit, einen kapitalen Hecht zu erbeuten feuerte uns an. Zum anderen waren mein Vater und ich zumindest in den ersten Jahre begeisterte Blinkerer. Für den Spinnfischer war der räuberische Hecht einfach der Zielfisch Nummer eins, wenn es keine Forellen gab. Am Langwiedersee fingen wir erst später an, es den meisten anderen Kollegen nach zu machen und mit dem Köderfisch auf Hecht anzusitzen. Wohlgemerkt, damals noch mit dem lebenden Köderfisch, was erst Mitte der achtziger Jahre verboten wurde. Der Gedanke, dass die Anköderung eines lebenden Rotauges oder einer Laube Tierquälerei ist, kam mir damals einfach nicht, weil mir jedes Fischlein, das am Haken zappelte sowieso als todgeweiht erschien. Todgeweiht deswegen, weil doch einfach ein Hecht anbeißen musste! Die Tatsache, dass aber auch dieser so verführerische Köder oft genug kläglich versagte, wurde von mir ignoriert und einfach verdrängt. Auch wenn man über das Verbot des lebenden Köderfisches wirklich nicht mehr diskutieren muss, so möchte ich doch noch zwei Anmerkungen zum Thema machen. Die eine ist, dass das Anködern eines lebenden Fischleins bei weitem nicht so grausam ist, wie sich Nichtfischer das vorstellen. Die Quälerei ist vorher und nachher weit größer. Vorher mussten viele Köderfische oft stundenlang ohne genügend Sauerstoff in engen „Köderfischkesseln“ dahin vegetieren. An der Angel selbst waren die Fischlein meist großem Stress ausgesetzt, weil sie vom dicken Hechtschwimmer und dem schweren Blei daran gehindert wurden, Deckung oder eine sauerstoffreichere Wasserschicht aufzusuchen. Und zum Schluss wurden die so misshandelten Fischlein meist einfach „freigelassen“, was nicht selten zu deren langsamen Tod führte, wenn nicht doch noch ein Hecht sich an ihnen labte und ihnen so zumindest ein schnelles Ende bereitete. Ich wundere mich schon ein bisschen über mich, dass ich es bis zum Verbot immer wieder einmal mit dem Köderfisch probiert habe, wenn mich die Hechteuphorie gepackt hat, obwohl mir das alles doch bekannt war. Allerdings glaube ich noch heute, dass der frische Köderfisch - das gilt aber jetzt nur für den toten - der fängigste Hechtköder überhaupt ist. Am Starnbergersee haben wir damals aber nur geschleppt und geblinkert, also mit künstlichen Ködern vom Boot aus gefischt. Das Boot hatten wir beim Fischereimeister Lidl in Seeshaupt gemietet. Morgens zwischen sechs und sieben ging es los, sobald der Fischer vom See zurückgekommen und bereit war, uns ein Boot zu übergeben. Einmal sah ich bei dieser Gelegenheit eine frisch gefangene Seeforelle. Da war mir dann endlich klar, was eine Lachsforelle ist, die ich als erste Beute von der Würm einige Jahre zuvor nach hause getragen hatte. Diese Seeforelle sah genauso aus wie meine Lachsforelle. Der Anblick dieser Seeforelle verwunderte mich damals sehr. Ich hatte geglaubt, im Starnbergersee seien die Forellen schon ausgestorben, weil die Wasserqualität so schlecht wäre. Der See hatte Anfang der siebziger Jahre nämlich noch keine Ringkanalisation und war ins Gerede gekommen. Das Wasser galt auf Grund des starken Nährstoffeintrages als ziemlich belastet. Das war es sicherlich auch und es ist nur der Ringkanalisation zu verdanken, dass der See heute den Salmoniden wieder Fortpflanzungsmöglichkeiten bietet. Aber, es gab auch kurz vor der Kanalisation, auf dem Höhepunkt der Wasserverschmutzung noch Seeforellen. Es gab auch immer Renken, allerdings nur als Beute der Berufsfischer. Die Hegenenfischerei war damals noch nicht so populär wie heute. Ich besaß zwar eine Hegene, die angeblich aus der Schweiz stammte und die ich wahrscheinlich in der Angelabteilung bei Sport-Scheck gekauft hatte - so was gab es damals noch -, ich wusste leider aber nicht wie man damit erfolgreich fischt. Sonst hätten wir damals nicht als „Schneider“ heimkommen brauchen. Vielleicht hätten wir sogar Seesaiblinge in einer Größe gefangen, von der ich heute nur noch träumen kann. Die Fangmeldungen in Fisch und Fang wiesen zu dieser Zeit nämlich noch Saiblinge mit drei, vier und sogar mehr Pfund aus. Aber ich wusste damals einfach noch nichts von der erfolgreichen Art mit der Hegene zu fischen. So schleppten wir also auf Hecht vor Seeshaupt und St. Heinrich. Einmal sahen wir sogar an der Scharkante einen Hecht stehen, der aber gleich darauf vor unserem Boot flüchtete. Es gab auch beängstigende Momente, so zum Beispiel als ich einen gewaltigen Hänger am Seegrund hatte. Der Hänger machte den Eindruck, als ließe er sich ein bisschen vom Grund lösen und hochheben. Wir schauderten bei der Ungewissheit darüber, was sich da am Haken verfangen haben mochte. Eine schaurige Überraschung blieb uns aber erspart, weil die Schnur doch noch abriss. Wahrscheinlich war es aber doch bloß ein altes Fischernetz, das sich am Grund verhängt hatte. Ein ander mal wagten wir uns zu weit in ein flaches Gebiet bei St. Heinrich hinein. Weil das Wasser zu flach zum Rudern war, versuchte mein Vater das Boot mit der Ruderstange wieder heraus zu staken. Der morastige Untergrund gab nach und das Ruder versank. Der zähe Schlamm hielt das Ruder fest und mein Vater hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Irgend wie schaffte er es dann aber doch noch, uns wieder ins freie Wasser zu bugsieren. Aber auch im freien Wasser gab es seltsame Dinge zu sehen. Ich fand es besonders gruselig, als neben unserem Boot plötzlich versunkene Tannenbäume zu sehen waren. Die Bäume dürften als Laichplätze für Zander von den Berufsfischern ins Wasser eingebracht worden sein. Mir flößte der unerwartete Anblick aber einen gehörigen Schrecken ein. So nahm ich von unserem Angelurlaub am Starnbergersee in erster Linie eine gehörige Portion Respekt vor so einem großen Gewässer mit und war fortan wieder mit unserem kleinen Langwiedersee vollauf zufrieden.



    (Fortsetzung folgt...)