Ein halbes Anglerleben - Fortsetzung v. 05.01.2007

  • Der See war damals für mich die reinste Wundertüte. Jede kleine Bucht, und davon gab es wahrlich viele am Langwiedersee, war für mich neu zu entdeckendes Terrain. Jede kleine Bucht hatte ihre eigenen Geheimnisse, die sie nach und nach erst preisgab. Meine Begeisterung für diesen See ist eigentlich niemals völlig erloschen. Auch als ich mich zeitweise von meiner Angelleidenschaft etwas entfernte, als wir aus dem Versehrtensportfischereiverein ausgetreten waren, als ich längst an anderen, größeren Gewässern fischte, der Langwiedersee war mir immer in lieber Erinnerung.
    In unserem ersten Jahr am See fing ich aber nicht nur Kleinfische, nein bereits am 25.6.71 glückte der Fang eines Karpfens, der in seiner Größe meinen Karpfen aus der Würm mit seinen 32 cm in nichts nachstand.
    Am 22.7.71 fischten wir, erstmals auch mein Vater, an der Würm. Dies sollte das letzte mal sein, bis heute. Seit dem letzten Jahr war Einschneidendes geschehen, der alte Fischereiaufseher war gestorben. Sein Nachfolger hatte zwar den Job geerbt, sicher aber nicht die Liebenswürdigkeit des alten Herrn. So kam es wohl, dass der Tag, an dem mein Vater seinen ersten Fisch in der Würm, ja seinen ersten Fisch überhaupt - eine knapp maßige Regenbogenforelle - fing und ich zwei schöne Aitel für unseren „Aussie“, zugleich unser letzter an diesem damals so fischreichen Gewässer wurde. Die Würm rund um die Mühle hatte mich so viel gelehrt, mir soviel gezeigt, doch jetzt war die Zeit um. Gut dass ich das an diesem Tag noch nicht wußte, sonder in mein Fangbuch schrieb: „Heute das erste mal bei dem neuen Aufseher“, so als ob dem ersten noch ein weiteres mal folgen würde. Vielleicht tue ich diesem Herrn auch Unrecht, vielleicht lag es gar nicht an ihm, dass mit der Fischerei in der Würm Schluss war. Vielleicht lag es am Prinzen, dem Wittelsbacher, der irgendwann damals anfing, das Fischereirecht an Fremde zu verpachten. Vielleicht aber auch am Niedergang der Bäckerei und dem darauffolgenden Tod des Bäckers und Müllers. Vielleicht konnte mein Vater aber auch das Zusammentreffen mit seinem Mandanten nicht mehr ertragen, der ihn durch seine „krawotische“ Art und die ausgeprägte Ignoranz aller steuerlichen Pflichten auf die Palme brachte. Ich weiß es nicht, was der Grund für den Abschied von der Würm war. Jedenfalls war damit eines der ersten und eines der schönsten Kapitel meines Anglerlebens abgeschlossen. Die neuen Gewässer des Vereins und das Nichtwissen um den Verlust ließen mir erst viel später klar werden, welch einmalige Erlebnisse mir an der Würm geschenkt wurden.


    Maisach und Isarkanal


    Zu den neuen Gewässern zählte nicht nur unser „Stammwasser“, der Langwiedersee, sonder auch die Maisach bei Bergkirchen und Dachau und der mittlere Isarkanal vom Wehr in Oberföhring bis zum Speichersee.
    An der Maisach habe ich am 2.6.71 meinen ersten Fisch an der Fliege, einem gewaltigen Maifliegenimitat gefangen. Die knapp maßige Bachforelle durfte weiter leben. Hoffentlich hat sie auch noch recht lange gelebt. Ich sage das nicht, weil ich sie etwa recht verletzt hätte, sonder deswegen, weil zu dieser Zeit damals eine Seuche unter den Salmoniden grassierte, die Furunkulose, die auch in der Maisach Forellen und vor allem Äschen hinweg gerafft hat. Nun könnte man meinen, dieses Erlebnis, der erste Fisch an der Flugangel, wäre der Beginn einer steilen Fliegenfischerkarriere gewesen. Doch weit gefehlt! Ich, der spätere Fliegenfischer, habe im zarten Alter von 12 Jahre dreist in meinem Fangbuch die These „Blinker ist besser als Fliege“ als Ergebnis dieses Tages niedergeschrieben. Überhaupt waren mein Vater und ich in den ersten Jahren der gemeinsamen Angelei begeisterte Spinnfischer. Unsere schönsten Angeltage verbrachten wir mit einem Rundgang um den Langwiedersee, in jeder Bucht unsere Blinker und Wobbler, manchmal aber auch einen toten Köderfisch am System auswerfend. Noch im ersten Jahr erbeuteten wir so einige nette Hechte(lein). Am 27.8. gegen Abend erblinkerte ich am Auslauf bei strömendem Regen mit einem Effzett-Blinker ein Hechtbaby von 28 cm Länge. Die Freude über den Fang war riesig, der Fisch selbst so klein, dass er sofort wieder freigelassen wurde. Alle anderen Fänge dieses Jahres machte dann mein Vater. Er fing den ersten maßigen Hecht (von uns beiden) am Langwiedersee. Vier Wochen später ging meinem Vater nochmals ein knapp 50 cm langer Hecht an den ABU-HiLo Wobbler. Diese Angeltage sind fest in meiner Erinnerung verankert, weil sie über das Fischen hinaus wunderschöne Kindheitserlebnisse waren. Mein Vater nahm sich extra für mich am Samstagvormittag frei. Normalerweise pflegte er an den Samstagvormittagen bei einer Druckerei die Buchhaltung zu erledigen. Außerdem war mein Vater damals noch ein ausgesprochener Langschläfer, es kostete ihn einige Überwindung, um sechs oder sieben Uhr schon am See zu sein. Wenn dann auch noch das Wetter schlecht war, reichte die Begeisterung gerade mal bis zum späten Vormittag. Zeit genug für eine zügige Umrundung des Sees. Meist parkten wir auf dem Autobahnparkplatz vor dem Kiosk. Dann beendeten wir den Angelausflug mit heißen Bockwürsten mit viel scharfem Senf und einer Flasche Libella. Die Brotzeit wurde dann noch mit den neuesten Anglerstories gewürzt, weil sich Emil auf einen Ratsch zu uns setzte. Es waren wirklich schöne Tage mit meinem Vater. Das Jahr 1971 beendeten wir am Sylvestertag mit einem Angeltrip an den mittleren Isarkanal. Auch dort blinkerten wir eifrig in der Hoffnung, einen der seltenen Huchen zu fangen. Leider war unseren Bemühungen kein Erfolg vergönnt. Der mittlere Isarkanal heißt so, weil es oberhalb von München bereits eine Ausleitung gibt und unterhalb des Speichersee bei Freising nochmals einen Isarkanal. Unser Fischwasser begann bei dem großen Wehr in Oberföhring und endete etliche Kilometer weiter bei der Eisenbahnbrücke zwischen Unterföhring und Ismaning. Der Kanal erschloss den Spezialisten im Verein sicherlich gute Möglichkeiten auf schwere Fische. Von unserem Emil erfuhren wir damals, dass der Vereinsvorsitzende erst kurz davor einen Huchen von über 20 Pfund aus dem Wasser geholt hatte. Bei einem Erkundungsgang haben wir einmal einen Angler beobachtet, der unterhalb des Auslaufs beim Heizkraftwerk Nord kapitale Barben gefangen hat und Herr Kleber, der Schwabinger Angelgerätehändler, hat mir Jahre später erzählt, dass er - als er auch eine Zeit lang im Kanal fischen durfte - prächtige Äschen an der Nymphe mit der Schwimmerangel erbeutete. Selbst habe ich dann zu einer Zeit, als ich schon lange nicht mehr im Verein war, einmal eine sicher zehnpfündige Regenbogenforelle beim Nymphen direkt hinter einem Pfeiler des Wehrs beobachten können. Aber damals konnten wir uns dieses Gewässer einfach nicht erschließen. Zu selten waren wir dort, zu wenig Erfahrung konnten wir dort sammeln. Die besten Chancen hatten dort wohl diejenigen, die den Kanal auch schon einmal im abgelassenen Zustand gesehen hatten. Ende der Neunziger Jahre hätte sich diese seltene Gelegenheit wegen einer umfangreichen Sanierung des Kanals wieder ergeben. Aber da fehlte mir leider die Zeit und letztlich auch die Lust, den trocken gefallenen Kanal auf dem Uferdamm abzulaufen, weil ich nicht daran glaube, noch jemals wieder in diesem Gewässer angeln zu dürfen.


    (wird fortgesetzt)