Ein halbes Anglerleben - Fortsetzung v. 01.01.2007

  • Dieser Verein war - wie der Name schon besagt - hauptsächlich für solche Fischer gedacht, die durch Kriegsverletzungen versehrt, also verwundet waren. Da mein Vater den Krieg, den zweiten Weltkrieg, zum Glück ohne Verletzung überstanden hatte, wurde er nur als förderndes Mitglied aufgenommen. Das bedeutete in der Praxis einfach, dass er einen erhöhten Beitrag bezahlen mußte. Aber ich war sehr froh, dass er überhaupt aufgenommen wurde. Dieser Verein besaß nämlich das Fischereirecht am Langwiedersee. Der Langwiedersee liegt etwa 2 oder 3 Kilometer von Lochhausen entfernt, direkt an der Autobahn München - Stuttgart. Am See gab es sogar ein Rasthaus und einen Autobahnkiosk. Diesen Kiosk hatte ein Mandant meines Vaters gepachtet. Dieser Mandant war ein fleißiger, relativ einfacher Mann. Zusammen mit seiner Frau werkelte er Tag ein, Tag aus in seinem Kiosk. Soweit ich mich erinnere, war vom Verpächter, den Bundesautobahnnebenbetrieben, vorgegeben, dass nur an zwei halben Tagen, ich glaube es war Heiligabend und Sylvester, der Betrieb geschlossen werden durfte. Freilich hätte es die Möglichkeit gegeben, Angestellte oder Aushilfen zu beschäftigen, um auch einmal Urlaub machen zu können, aber dazu waren sie nicht zu bewegen. Sie arbeiteten, um Geld zu verdienen, nicht um welches auszugeben. Sie hatten zwei Söhne, aber auch diese Tatsache war ihnen nur zusätzlicher Anreiz, mehr zu arbeiten. Ironie des Schicksals ist, dass er, nennen wir ihn Emil, wenige Jahre nach Eintritt in den Ruhestand an einem Herzinfarkt verstarb. Er hat also von den Früchten seiner Arbeit nie viel gehabt. Gut, die Leute waren so. Meine liebe Inge hat Emil und seine Frau auch noch kennengelernt. In den 80ern gab es die IGA, die internationale Gartenausstellung, in München. Auf der IGA waren viele Kioske verstreut, einen davon hatte - natürlich – Emil angepachtet. Dort hat Inge längere Zeit ausgeholfen. Auch ich habe da einmal gearbeitet, mein Engagement und Tempo entsprach aber offensichtlich nicht den Vorstellungen meiner Arbeitgeber. Dieser Emil war nun ebenfalls Mitglied im Versehrten-Verein und hat sich wahrscheinlich sehr für die Aufnahme seines Steuerberaters verwendet. Als Angler war Emil trotz seiner starken beruflichen Belastung recht erfolgreich. Er saß aber auch an der Quelle. Das soll heißen, dass er die Lage seines Kioskes direkt am Langwiedersee geschickt ausnutzen konnte. Er fütterte nämlich regelmäßig mit den Speiseresten aus seinem Imbisslokal an. Bei ihm konnte man mit einem Stück Wienerwurst vom Rotauge über die Forelle bis zum kapitalen Karpfen fast alles fangen, wenn man sein Geheimnis kannte. Er lockte mit seinem Futter auch die Raubfische an seinen Kiosk. Eines Abends - es war noch bevor mein Vater Mitglied im Verein wurde - rief er bei uns zu hause an und fragte, ob meine Eltern gerne Zander essen würden. Er hatte einen 13 Pfund schweren und 88 cm langen Zander gefangen, den er meinem Vater schenken wollte. Das Geschenk wurde sogleich am Kiosk abgeholt und noch in der selben Nacht küchenfertig portioniert eingefroren. Eine Sauarbeit für meinen Vater und meine Mutter. Den Fisch zu schuppen und dann in Koteletts aufzuschneiden nahm mehrere Stunden in Anspruch. Meine Meinung ist, die Arbeit hat sich gelohnt. Meine Erinnerung an die fertig zubereiteten Zandersteaks lässt mir heute noch das Wasser im Mund zusammen laufen. Dieser Zander war eine echte Delikatesse. Vielleicht liegt es an diesem Kindheitserlebnis, dass ich so gerne einmal einen Zander - nach Möglichkeit einen großen! - fangen würde. Leider ist dieser Wunsch noch unerfüllt, bis jetzt. Ja, und an diesem Gewässer, dem Langwiedersee, durfte wir, mein Vater offiziell und ich vorerst noch inoffiziell, ab dem kommenden Jahr angeln. Ich war überglücklich.


    Das Anglerjahr 1971 begann für meinen Vater und mich am 19. April mit einem ausgedehnten Tagesausflug an das Vereinsgewässer Langwiedersee. Im Fangbuch sind ein kleiner Barsch, Rotfedern, ein Rotauge und Lauben als Beute verzeichnet. Aus heutiger Sicht eine eher magere Ausbeute eines ganzen Angeltages, für mich war das damals aber schon mehr, als bei meiner Stipperei am Millstättersee. Außerdem war die Begeisterung über das neue Gewässer groß. Der See ist eigentlich ein Baggersee, kein natürliches Gewässer. Er wurde meines Wissens nach zur Nazizeit im Zuge des Autobahnbaus ausgehoben. Er war also 1971 ungefähr 35 Jahre alt und nur für ein geübtes Auge noch als künstlich angelegter See zu erkennen. Neben ausgedehnten Flachwasserbereichen gibt es auch Uferstreifen, an denen das Wasser schon in Wurfweite mehrere Meter tief ist. Generell herrscht kiesiger Untergrund vor, in vielen Buchten wuchsen damals üppige Wasserpflanzen. Auf der Südseite, also dort wo die Autobahn parallel zur Uferkante in circa 100 Meter Entfernung verläuft, reiht sich eine kleine Bucht an die andere. Zwischen den Buchten wuchs dichtes Buschwerk. Zur Autobahn hin sorgten hohe Bäume im östlichen Teil für einen gewissen Schallschutz, im westlichen Teil des Ufers standen nur vereinzelt Bäume auf dem Grünstreifen zwischen dem Parkplatz des Autobahnkioskes und dem Uferstreifen. Emils Kiosk lag so etwa auf der Trennlinie zwischen dem bewaldeten und dem offeneren Teil des Südufers. Heute gibt es weder den Kiosk, noch den Parkplatz mehr. Im rechten Winkel schließt an das Südufer ein ziemlich steil abfallendes Westufer an. Der schmale Streifen zwischen Wasser und Autobahnauffahrt war damals schon dicht mit hohem Gestrüpp bewachsen, durch das Trampelpfade zu den Angelplätzen führten. Hier haben wir im Lauf der Jahre schöne Karpfen, Hechte und sogar Forellen gefangen. In der nächsten, der Ecke zwischen dem West- und dem Nordufer befindet sich der einzige Ablauf des Sees, ein kleiner Bach voller Weißfische, der wenig später zusammen mit dem Abfluss des Birkensees und des neuen Lußsees in den Gröbenbach mündet. Das Nordufer besteht zunächst aus einer Liegewiese mit einem anschließenden „Badestrand“. Wenn wir früh morgens noch ganz alleine an diesem Strand entlang fischten, konnten wir gelegentlich einzelne, große Karpfen dort gründeln sehen. Zwischen diesem „Strand“ und der großen Bucht in der Nord-Ost-Ecke des Sees befindet sich zunächst einmal der Bootsverleih, das Rasthaus am See und eine schwach ausgeprägte Landspitze. Auch hier reiht sich eine kleine Badebucht an die andere. Der Grund ist hier ausgesprochen kiesig, so dass einem beim Baden so mancher spitze Stein die Fußsohlen strapazierte. An der Spitze der Landzunge befindet sich die Scharkante circa 50 Meter vom Ufer entfernt, davor ein ausgedehntes Gebiet mit nur ungefähr eineinhalb Meter tiefem Wasser. Hier wucherten reiche Krautbeete, zwischen denen wir immer wieder Hechte stehen sehen konnten. Die große Bucht selbst war recht tief. Vor dem Ostufer lag dagegen wieder ein langer Flachwasserstreifen. Hier gab es alles zu fangen, Hechte, Barsche, Forellen, Aale, Karpfen, Schleien und Weißfische. Zur Süd-Ost Ecke hin wurde der Flachwasserbereich immer schmaler und das Ufer immer steiler. Heute sind diese Steilufer im Zuge der Schaffung des neuen Naherholungsgebietes „Langwiedersee - Lußsee“ abgeflacht worden. Die kleine Straße, die das Ostufer begleitete, gibt es ebenso wenig mehr, wie den zweiten Kiosk, der früher auch einmal von Emil bewirtschaftet wurde. Diese Veränderungen haben dem See aber nicht geschadet, die Straße war für diejenigen, die auf den Wiesen sonnenbadeten genauso lästig, wie für uns Angler, die wir teilweise nur wenige Meter hinter der, den Straßenrand begrenzenden Leitplanke hockten und fürchteten, einer der vielen Möchtegern-Rennfahrer würde sie gleich durchbrechen und uns mitsamt unseren Angeln in den See schießen. Apropos Möchtegern-Rennfahrer, genau auf dieser Straße hatte ich als 18-jähriger ein eher seltenes Erlebnis mit der Polizei und meiner 550er Honda. Es war der Tag, an dem ich mein Motorrad nach langen Monaten des Winterschlafs im elterlichen Keller das erste Mal - mit Führerschein - auf deutschen Straßen bewegen durfte. Die Fahrt ging zur Zulassungsstelle und zurück. Auf dem Nachhauseweg bog ich beim Pflanzen-Kölle von der Lochhauserstrasse ab, und fuhr auf der Goteboldstrasse in Richtung Langwiedersee ab. Beim Ortsendeschild gab ich Gas, um die Maschine im letzten, dem fünften Gang kontinuierlich von 50 auf circa 130 km/h beschleunigen zu lassen. Schneller sollte ich noch nicht fahren, da der Motor ja noch ganz neu war. Daran dachte ich wohl, an etwa vorherrschende Geschwindigkeitsbegrenzungen dachte ich nicht. Genauso vergaß ich, in den Rückspiegel zu schauen und gab mich ganz dem Genuss der Geschwindigkeit hin. Auf dem kleinen Sträßchen direkt am See muss ich dann so ungefähr mein selbst gesetztes Limit erreicht haben. Die enge S-Kurve an der Nordbucht zwang mich abzubremsen und anschließend gemütlich bis zum Rasthaus weiter zu fahren. Entsprechend verwundert und erschrocken war ich dann auch, als auf dem Parkplatz des Rasthauses ein Streifenwagen der Polizei anhielt. Die beiden Beamten stiegen aus und gingen direkt auf mich zu. Zunächst zeigten sie Interesse für meine nagelneue Maschine, dann wollten sie aber schon den ebenfalls nagelneuen, weil am selben Tag erst ausgestellten Kfz-Schein sehen. Die Maschine stammte ja aus England, aus diesem Grund hatte sie einen Tachometer, der die Geschwindigkeit in Meilen anzeigte. Der eine Polizist erkundigte sich bei mir, ob das nicht recht schwierig sei, ständig die Angaben des Tachos umrechnen zu müssen um die Geschwindigkeitsbegrenzungen einhalten zu können. Ich verneinte und präsentierte stolz meine Umrechnungsformel: „Tacho mal zwei minus 20 Prozent“. Worauf der zweite Beamte fragte: „wie viele Meilen sind dann 130 Kilometer?“ Oh je, jetzt war das Zehnerl gefallen! Nicht allgemeine Neugierde und auch nicht Bewunderung für meine nagelneue Maschine hatte die beiden Polizisten veranlasst, hier anzuhalten. Die wollten etwas von mir! Die hatten mich verfolgt! Und ich war so ahnungslos, gutgläubig und dumm gewesen. Jetzt fiel mir das Herz in die Hosentasche. Der erste, so lange herbei gesehnte Tag mit der Honda und gleich sollte der Führerschein weg sein. Auf dem Sträßchen direkt am See galt nämlich Tempo 30. Und da fragte der mich, wie viel 130 in Meilen ausgedrückt sind. Aber ich hatte Glück, wie so oft. Die Beiden belehrten mich ausführlich. Der Vortrag schloss - nach dem sich das „Gericht“ auch noch zur Beratung zurück gezogen hatte - mit den Worten: „Wir drücken noch mal alle Augen zu, die Hühneraugen auch und der Kollege auch“. Ja, das war aber erst 1977, also zurück ins Jahr 71 und zur Gewässerbeschreibung. Das Ostufer des Langwiedersees schloss ebenfalls rechtwinklig - so wie das spiegelbildliche Westufer - an das südliche Ufer an. Unweit dieser Ecke ragte noch das Wasserwachtgelände etwas in den See hinein. Bei regnerischem Wetter, wenn die Wasserwacht nicht besetzt war, schlichen wir gerne auf deren Steg, weil hier der ganze See zu überblicken war. Das Wasser vor dem Steg war sehr tief und etwas unheimlich. Hier vermutete ich die Kapitalen des Sees, die riesigen Zander und Hechte, die Seeforellen aus lange zurück liegenden Besatzmaßnahmen und vor allem den, in jedem Gewässer herumspukenden Riesenwaller…….. (Fortsetzung folgt)

  • Hallo Klaus,


    wieder mal wundervoll geschrieben!


    Bei der Geschichte mit den Polizisten und der Honda hätte ich ja zu gerne Mäuschen gespielt!
    Habe ich doch schon mal was ähnliches erlebt!


    Es war an meinem 19. Geburtstag. Wir hatten zu fünft in einer kleinen Kneipe "etwas" gefeiert und ich Depp bot meinen Freunden an, sie noch nach Hause zu fahren. Also alle ab ins Auto, getreu dem Motto tragt mich ins Auto ich fahre euch wohin ihr wollt!


    Nach einem flotten U-Turn auf der Fürstenrieder-Straße wurde ich sogleich von einem Streifenwagen rausgewunken, es war so gegen halb eins. Die übliche Nummer: Führerschein und Fahrzeugpapiere...


    Naja, nach zwei Minuten Diskussion kamen die Beamten zurück und drückten mir mit den Worten: "Alles gute zum Geburtstag und lassen sie ihren Freund weiterfahren!" den Führerschein und die Papiere wieder in die Hand.
    Da saß mein Herz aber auch an einer anderen Stelle!!!