Ein halbes Anglerleben - Fortsetzung v. 13.12.06

  • Meine erste Angelausrüstung bestand aus einer sog. Ferienangel der Firma Noris-Sheakespeare. Eine 1,80 Meter lange, grüne Vollglasrute mit einem schwarzen Holzgriff und Schraubrollenhalter, eine Stationärrolle mit Schnur und ein Schwimmer mit Blei und Haken bildeten dieses Set. Von Stund an stand ich nun im Sommer 1968 mit meiner Angel auf dem Steg und angelte. Ich unterbrach diese Tätigkeit nur zur Nahrungsaufnahme und zum Schlafen. Morgens, wenn meine Eltern noch schliefen schlich ich mich schon auf den Steg und warf meine Angel aus. Dass man dies nicht wörtlich zu verstehen hat, dürfte fast allen klar sein. Beim Auswerfen der Angel behält man selbstverständlich die Rute in der Hand, ja Inge ? Den ganzen Tag über blieb ich auf diesem Steg. Bald merkten alle, dass Onkel Pauls Aufforderung nicht nur mein Leben verändert hatte, sonder auch ihr Leben. Die Männer hatten beim Tennisspielen plötzlich keinen Balljungen mehr, Birgit hatte keinen Zuhörer für ihre Geschichten mehr und Tante Rosi hatte auf dem Steg keinen Platz mehr zum Sonnenbaden. Dafür konnte sich meine Mutter Sorgen um meine Gesundheit machen, weil ich meine Tätigkeit auch bei strömendem Regen nicht unterbrach. An Angler was born!


    Für dieses Jahr gibt es noch kein Fangbuch und zwar aus einem einfachen Grund, nämlich in Ermangelung von Fängen! Von anderen Anglern hatte ich mir zwar abgeguckt, dass man den Angelhaken beködern muss und auch wie man die Angel auswirft, ein entscheidendes Detail blieb mir aber bis dahin verborgen. Dieses Detail war der Anhieb. So kam es, dass kein Fisch an meinem Haken hängen blieb und ich keine Beute machen konnte. Zwei lange Wochen nahmen viele Aitel und Rotaugen meine kleinen Käsewürfelchen, mit denen ich die Angel beködert hatte, ins Maul, trugen sie ein Stück weit herum und spien sie wieder aus. Im klaren Wasser konnte ich das wunderschön beobachten und war jedes mal ganz aufgeregt, wenn sich wieder ein Fisch über meinen Köder hermachte, es blieb aber regelmäßig ohne Folgen für das Schuppenwild. Spätestens jetzt hätte wohl jeder das Angeln wieder aufgegeben, für den dies nur eine beiläufige Urlaubsbeschäftigung gewesen wäre. Bei mir war es aber der Beginn einer Leidenschaft, der Ausbruch einer echten Passion, mich konnten auch solche Pannen nicht mehr aufhalten. Nach der Rückkehr aus diesem Urlaub begann ich, Angelliteratur förmlich zu verschlingen. Mit dem Buch „So fängt es an“ machte ich die theoretischen Erfahrungen, die mich der nächsten praktischen Bewährungsprobe entgegen fiebern ließen. Viele Bücher, die teilweise heute noch in meinem Regal stehen, folgten. Die Angelzeitschriften „Fisch und Fang“ und „AFZ-Fischwaid“ durfte ich sogar abonnieren. Meinen Eltern war anscheinend bewusst, welches Fieber bei mir ausgebrochen war und sie ließen mich gewähren.


    Sie ließen mich nicht nur meinen Träumereien nachhängen, nein, sie bereiteten auch den Weg für weitere Unternehmungen. Natürlich nicht dadurch, dass sie mich zu irgendetwas animierten. Dessen bedurfte es nicht, und das hätte auch nicht ihrem Naturell entsprochen. Aber sie lehnten meine Passion auch nicht ab und nahmen sogar gewisse Mühen für mich in Kauf. Ein Beispiel: Zu meinem zehnten Geburtstag wünschte ich mir einen Ausflug mit meinem Vater an die Floßlände an der Isar. In einer Anglerzeitschrift hatte ich davon gelesen, dass es dort Äschen gäbe. Eine unbändige Neugier nach dieser Fischart nahm Besitz von mir. Und mein Vater nahm sich tatsächlich im Frühjahr einen Vormittag frei und fuhr mit mir an die Isar. Heute weiß ich, dass es für ihn als Steuerberater sicherlich nicht ganz einfach war, sich einen halben Tag von seiner Kanzlei zu verabschieden, die Angestellten alleine zu lassen und die Mandanten auch, nur um mit seinem Sohn ins Wasser zu starren. Aber er hat es getan. Wir haben übrigens damals viele Äschen gesehen, für mich war es ein großes Erlebnis! Aber auch meine Mutter hat mich unterstützt. Auf ihre Weise. Ich kann mich zwar noch gut daran erinnern, dass sie später oft ziemlich sauer war, wenn ich vom Angeln am Ziegeleiweiher, das war dann etwa 1970, nach hause kam. Wenn ich an der Haustür bereits meine Erlebnisse vom Schleienfischen hervorsprudelte, rüfelte sie mich an, ich solle doch erst herein kommen, meine dreckigen Stiefel ausziehen usw. ………………..Meine Angelei war zum Glück jedoch kaum einmal der Grund für solche Konflikte. Da gab es später schon andere Anlässe. Doch zurück ins Jahr 1968. Meine Mutter betreute einen Mandanten meines Vaters, eine Mühle an der Würm. Dieses Stück Würm gehört(e) den Wittelsbachern, dem letzten bayerischen Königsgeschlecht, genauer dem in Leutstetten residierenden Prinzen. Dieser Prinz, der ein sehr sympathisch wirkender Mann war, hatte einen ebenfalls sehr netten, älteren Mann als Fischereiaufseher angestellt. Im Hause des Mandanten wurde ein sehr familiärer Umgangston gepflegt. Gastfreundschaft war eine Selbstverständlichkeit. Die drei Frauen des Hauses, Mutter, Schwester und Ehefrau kochten von frühmorgens bis abends für die Müller, Bäcker und Brotausfahrer. Da machte es auch keine Umstände, wenn die Ehefrau des Steuerberaters oder der Fischereiaufseher mit verköstigt wurden. So kam es dazu, dass meine Mutter einen für mich unheimlich wertvollen Kontakt herstellen konnte. Sie erreichte, dass ich einmal in Begleitung des Fischereiaufsehers, Herrn Ertler in der königlichen Würm angeln durfte.



    (wird fortgesetzt)

  • Hallo lieber Klaus,


    es ist Zeit Dir zu sagen wie sehr ich Dich schätze und Dir für Deine Einblicke In Deine Vergangenheit als "Wurmbazler" zu danken. Ich spreche sicher im Namen vieler wenn ich dies als Leselust auf höchster Stufe bezeichne. In mein Herz trifft dies jedenfalls voll.
    Ich hatte es sehr schwer zum Angler zu werden. Lange Zeit verboten mir meine Eltern diesen "Faulenzersport". Sie wollten aus mir einen musikalischen Menschen machen. Aber Leidenschaft siegt!
    Im Moment habe ich wenig Zeit. Mein Buchprojekt "Angelfaszination zwischen Schwarzwald und Bodensee" geht in die Endphase, daneben soll ich noch Beiträge für Rute & Rolle und Fisch & Fliege verfassen. Aber sobald ich Luft habe werde auch ich aus meinem Anglerleben ab 1969 berichten.


    Sei herzlich gegrüßt, ich wünsche Dir eine besinnliche Adventszeit


    Dein Bernd