Gelungene Entjungferung

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  • Gelunge Entjungferung


    Neulich rief mich Micha (cpt.chaos) an, und war ganz hibbelig wegen der Seeforellenfänge am Biggesee. Micha, irgendwo in der Nähe von Mainz zuhause, lernte ich vor zwei Jahren dank seinem AA-Cap am Walchensee kennen, und da er von Mainz aus deutlich schneller im Sauerland als in den Alpen ist, kam er uns seitdem schon einige Male am Biggesee besuchen. Micha ist ein lustiger selbstbewußter Mensch, der seinen rheinhessischen Dialekt nicht versteckt und dadurch subtil in jede Unterhaltung die närrische Stimmung einer Mainzer Karnevalssitzung bringt; und Micha war Seeforellenjungfrau, denn er hatte noch nie eine am Haken. Durch die vielen Berichte gierig gemacht, wollte er diesen Zustand nur zu gerne ändern.


    "Gut", dachte ich mir, "das ist nicht so einfach aber wir können es versuchen", und bot mich als "Kuppler" für dieses Unterfangen an. "Am 22.08. macht der Dirk seinen Raubfischtag, und wenns dann mit der Seeforelle nichts wird, kannst Du Dir wenigstens noch einen gehörigen Affen einfangen". Das gefiel ihm gut, und am Abend des 21.08. trudelte er mit seiner großen schwarzen Blechbüchse, einem alten stinkenden VW-Bus, und seinem Boot "Yolanda" auf dem Hänger beim Talentschuppen ein.


    Um Enttäuschungen zu vermeiden sollte jeder Entjungferung vorher intensive Aufklärung vorausgehen.
    Dementsprechend referierte ich an diesem Abend lange und intensiv über das Gewässer, die Seeforellen, zeigte ihm Tiefenkarten, Köder, Montagen, Skizzen in Büchern und allerlei geheimnisvolles Zeug in Flaschen und Gläsern, bis er erschlagen, müde und benebelt von all der Information in einen tiefen Schlaf verfiel.


    Um 6 Uhr klingelte unerbittlich der Wecker, die nächtliche Aufkärungsarbeit hatte tiefe Ränder unter den Augen hinterlassen. Kurze Zeit später meldete sich auch schon das Telefon: Dirks Nummer auf dem Display! Jetzt aber hurtig, der steht bestimmt schon streng und ungeduldig mit dem Fernglas an der Hecke vor seinem Laden, und hat längst entdeckt, daß unsere Boote immer noch auf dem Parkplatz stehen und nicht auf dem Wasser sind.


    Wenig später erschienen wir genau dort zum Rapport und meldeten Einsatzbereitschaft. Dirk war schon intensiv mit Vorbereitungen für den Nachmittag beschäftigt. Er hatte seinen High-Tech-Pröbchenwagen in Betrieb genommen und war gerade mit Peter dabei, den Zustand der „sauerländer Pröbchen“ genauestens unter die Lupe zu nehmen. Schliesslich sollte alles gut vorbereitet und in Schuss sein, wenn am Nachmittag die ersten durstigen Angler vom See bei ihm aufschlugen. Da wurde geschlürft, geschmatzt, gegurgelt, immer wieder das Glas prüfend in den Himmel gehalten, geschwenkt, geschüttelt, der Schaum geprüft, doch bevor ein finales Ergebnis über den Zustand des goldenen Getränks festgestellt werden konnte, war das Glas auch schon leer und es mußte nochmal nachgezapft werden.
    Schnell hatten auch wir ein Pröbchen in der Hand denn vier Kehlen schmecken mehr als nur zwei, und selbstverständlich wollten wir auf die Schnelle unserem Freund kameradschaftlich bei diesen verantwortungsvollen Vorbereitungen unter die Arme greifen.


    Nachdem dann doch alles irgendwann mal als gut empfunden wurde wandte Dirk sich wieder seiner Maden-kaufenden-Kundschaft zu und fachsimpelte mit ihr über den versierten Brassenfang, wärend wir endlich unsere Boote slippten. Baustellenbedingt hatten wir mit dem Boot eine große Tour vor uns, wir wollten zur Staumauer und zurück, was von der Kessenhammer Bucht eine Gesamtruderstrecke von ca. 20 Kilometern ergibt. Aber wir waren ja nicht zum Vergnügen hier.


    Ich startete los wärend Micha noch am montieren war. Kaum war ich um die erste Ecke und hatte ihn aus den Augen verlohren, klingelte das Telefon und Micha war dran: „Scheisse, ich hab die Gummis vergessen“. „Ja Kruzifix, was soll denn die ganze Aufklärungsarbeit wenn Du am Schluß die Gummis vergisst?“ Ich holte meine Ruten ein und beobachtete sein Boot, das mit schnellen Ruderschlägen auf mich zu kam. Zum Glück habe ich immer ein paar Ersatzgummis dabei und konnt aushelfen. Nachdem diese mit ordentlich Blei versehen auf die Schnüre gezogen waren, konnte es endlich losgehen.


    Wir ruderten ca. eine Stunde, Micha folgte meiner „Spur“ mit ca. 300 Metern Abstand. Da hatte ich auch schon den ersten Kontrollanruf von Dirk. „Wo seid Ihr? War schon was?“. „Nein“, erwiederte ich, „aber wir kommen jetzt erst in die heisse Zone“, und legte auf. Fünf Ruderschläge später war meine Rute krumm! Nach kurzem Drill planschte eine Seeforelle neben meinem Boot, das grob danebengehaltene Maßband zeigte 2-3 Zentimeter zu wenig. Schnell verschwand sie wieder in der Tiefe. Micha, vom Geplätscher angezogen war zügig aufgeschlossen, und sein Boot glitt neben meines. Wir hatten gerade zwei Sätze gewechselt, da bog plötzlich auch seine Rute sich. Erstaunt griff er sie, da war wirklich was dran! Erst murmelte er nur unverständlich vor sich hin, drillte, wurde immer aufgeregter und über den See fing ich rheinhessich-brabbelnde Fetzen auf wie „des is unglaublisch! des kann nedd wahr sein! isch glaab s nedd!“ und als sich der Fisch zum ersten Mal in der Tiefe zeigte, war es ganz um ihn geschehen „joh schpinn isch denn! des is wägglisch e seeforelle!!! isch glaab die hots Maß!!! Jetzt began ein eifriges stochern mit dem Kescher und mit viel Halali landet der Fisch glücklich in Michas Boot. Er legte aufgeregt das Maßband an hielt kurz inne um dann zu explodieren: „viarunfünzisch“!!!! Nun wich alle Anspannung schlagartig von ihm, er mußte sich setzen, und auf sein Gesicht zauberte sich ein debiles glückliches Grinsen, daß er den restlichen Tag nicht mehr ablegen sollte. Es war vollbracht!



    Wir ruderten noch unsere Runde, begrüßten noch andere befreundete Angler sowie eine weitere Untermaßige und einen Barsch, um gegen Mittag durstig und erschöpft wieder in der Kessenhammer Bucht anzulegen. Vor Dirks Laden stauten sich die Bootsgespanne und die Pröbchen machten bereits schnell die Runde. Bald war klar: Die Fänge waren nicht sonderlich ergiebig, ein paar schöne Barsche, zwei Hand voll Hechte, aber keine Großen. Und Micha mittendrin mit der einzigen Seeforelle! Mit jedem Bier wuchs er ein paar Zentimeter, und als Dirk dann die Gewichte der gefangenen Fische verkündete und Micha mit seiner Forelle den dritten Platz in der Gesamtwertung belegte, hatte das Glück und die Pröbchen schon so von im Besitz ergriffen, das der ein- oder andere Angler schon den Einsatz verbotener holländischer Importgewürze vermutete.


    Dirk, unser Aasfischchenhändler, wäre allerdings nicht der größte Hallodri nördlich des Weisswurstäquators, wenn er für diese Gelegenheit nicht noch einen Schabernack parat gehabt hätte: Mit heisserer Stimme brachte er die mittlerweile bestimmt achzigköpfige Meute aus Anglern und ihren Frauen zum schweigen und verkündete:


    „Nochmal einen herzlichen Applaus für Micha, der heute seine erste Seeforelle gefangen hat und nun keine Seeforellenjungfrau mehr ist! (lauter Applaus). Micha, komm zu mir! (Micha stellt sich neben ihn). Wie Ihr alle wisst, haben wir hier am Biggesee das Ritual, daß jeder Fänger seiner ersten Seeforelle die Fettflosse abbeisen und dann essen muß. (Dirk hebt die Forelle hoch über die Köpfe, zeigt sie herum und streckt sie dann Micha entgegen). Micha, wir alle sind stolz, mit Dir dieses Ritual heute begehen zu dürfen!"


    Micha, schon längst nicht mehr Herr seiner Sinne und nach wie vor mit dem unverwüstlichen Grinsen im Gesicht, lässt sich nicht lange bitten und beißt mit seinem kräftigen Zahntechnikergebiss kurz und knackig die Fettflosse ab, kaut kurz, lässt noch ein rheinhessisches „hmmm, köstlisch“, verlauten und spühlt unter dem Applaus der Menge mit einem ordentlichen Pröbchen nach.


    Ab hier war endgültig jede Hemmung gebrochen, und es wurde noch eine feuchfröhliche, wilde Nacht. Über die Erinnerung legt sich leider ein Nebelschleier, so daß ich nicht mehr davon berichten kann. Und über jenes, wovon ich noch berichten könnte, legen wir lieber behutsam den Mantel des Schweigens. ("Quiieeeeeeek!").


    Epilog:
    Eines sollten wir jetzt jedoch schleunigst klären: Wer der heiß erwarteten bayrischen Gäste, die im Herbst an den Biggesee kommen wollen, hat denn noch nie eine maßige Seeforelle gefangen?

  • Genial , einfach genial!


    Bei deinem Bericht hab ich einige Male mehr als nur schmunzeln müssen.


    PS: Ein dickes Petri an Micha :up: 
    PPS: Zum Glück hab ich meine maßige Seeforelle schon :tongue: 
    PPPS: Von drein weiß ich bestimmt dass sie großen Hunger mitbringen sollten :rofl:

  • Servus alle zusammen !


    HeinzJörg super guter Bericht, mußte ebenfalls schmunzeln!


    Zitat

    „Nochmal einen herzlichen Applaus für Micha, der heute seine erste Seeforelle gefangen hat und nun keine Seeforellenjungfrau mehr ist! (lauter Applaus). Micha, komm zu mir! (Micha stellt sich neben ihn). Wie Ihr alle wisst, haben wir hier am Biggesee das Ritual, daß jeder Fänger seiner ersten Seeforelle die Fettflosse abbeisen und dann essen muß. (Dirk hebt die Forelle hoch über die Köpfe, zeigt sie herum und streckt sie dann Micha entgegen). Micha, wir alle sind stolz, mit Dir dieses Ritual heute begehen zu dürfen!"



    hier der Beweis! Einfach nur super mit netten/durstigen Angelkollegen einen schönen aber auch sehr intensiven/anstrengenden Tag zu verbringen!



    Die Affenpflege am nächsten Tag ist dann schon vorprogramiert, wir spucken ja alle nit rein !!!



    schönen Gruß
    Frank !


    ach ja, Hansi überleg Dir das noch mal mit dem Hechtgeschirr !

  • Servus Admiral,
    da kommt mir beim lesen doch "Pipi in die Augen"
    Eine wunderschöne Geschichte und ich geh noch ein paar mal schleppen, damit ich keine Fetflosse abbeissen muß.


    Schöne Grüße


    Schorsch